Text zu den Videoarbeiten

nature morte, 1 min, 15 sec, Super 8 + DV, 2004  

Frank Thinnes, 2004
Auf den ersten Blick erscheinen die verblüffend kurzen Videoclips von
Valérie Hendrich als beliebige Abschnitte des permanenten Stroms von
Bildern, der unser Dasein begleitet. Sie erscheinen als visuelle Abdrücke
der Umwelt, dokumentarisch in der Bandbreite der Themen und zugleich subjektiv
in der Eingeschränktheit auf den persönlichen Erfahrungshorizont eines Menschen,
der Künstlerin. Sie arbeitet als Spurensucherin, als Konservatorin des Alltags,
aber präsentiert uns nicht eine simple Reduktion der alltäglichen Bildwelt, arbeitet nicht
mit Weglassung, sondern komprimiert, verdichtet mit dem Ziel, die Essenz einer Szene,
eines Momentes, zu erarbeiten und festzuhalten. Dieser Ansatz führt sie
in einigen Arbeiten (z.B. o.T) konsequenter Weise vom Gegenständlichen
und Erzählerischen zur Abstraktion.

Die Videoclips wirken durch die Komprimierung häufig sperrig, roh,
fragmentarisch, gebrochen, zerrissen. Ein  “punctum“ führt den Betrachter
analog zu Roland Barthes Betrachtungen zur Fotografie als “bestechendes Detail“
zu einer über die dargestellten Bilder (den Clip) hinausweisende Erfahrungsebene.
Dieses “punctum“ ist häufig formaler Natur, also von Valérie Hendrich gezielt
platziert, oder durch ihre Intervention herausgestellt. Es ist der Schlüssel zu den
Arbeiten, die künstlerische Spur, ihre Handschrift. So z.B. der Schnitt am Ende des Clips “Roma“
der eine Nudel in arabesker Windung kurz einfriert und dem vorherigen roh-sinnlichen
Geschehen entgegen wirken lässt. Oder sie fokussiert den Blick des Betrachters auf
ein bemerkenswertes Detail, das eine Szene auf eine neue Bedeutungsebene transportiert,
so z.B. in “Circus Maximus »,wo das diskrete Lichtspiel des Himmels und die einsamen
Spaziergänger durch den rezitierten Text in einen dramatischen Bezug gesetzt werden,
obwohl die Szene an sich äußerst statisch, fast malerisch komponiert ist und in ihrer
Austauschbarkeit geradezu einen Abdruck des Gesichtes an!) und akzentuiert die einzelnen
Sequenzen, die zum Loop zusammengefügt sind, mit dem kurzen Aufleuchten
eines  weißen Dreiecks im rechten Bildvordergrund.

So entstehen Videoclips von großer Dichte, die durch ihre Kürze den Betrachter dazu zwingen äußerst
konzentriert zu beobachten. Diese starke Fokussierung wird durch die plötzliche punktuelle Öffnung auf
eine neue, nicht mehr so leicht auslotbare Bedeutungsebene durchbrochen. Die Öffnung wird durch das
Video ausgelöst, liegt aber nicht im Dargestellten verborgen, sondern muss jenseits davon
gesucht werden. Aus der einengenden Fokussierung heraus weitet sich also der Geist
des Betrachters für einen kurzen, überraschenden Augenblick.
Ähnlich der Wirkung eines japanischen Haikus, führen die Videoarbeiten Valérie Hendrichs
über die einfach und schnell zu erfassende Bildsituation nicht langsam und prozessual,
sondern mit einem kurzen, plötzlichen Aufblitzen der Erkenntnis,
quasi in einem befreienden Sprung, hinaus.

À propos de Valérie Hendrich

artiste plasticienne